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Innere Bilder von guter Führung

Von Archetypen, Projektion und Leadership

Lesezeit ca. 3 Min.

 

Menschen bringen aus ihrem Leben oft klare Bilder mit, was gute Führung bedeutet. Das ist ein Ergebnis ihrer persönlichen Erfahrung, aber vielleicht auch eine Manifestation von unbewussten Archetypen.

 

Welche sind da besonders relevant? Und was bedeutet das für die Führungsbeziehung?



In verschiedenen Seminaren haben wir folgende Übung gemacht: Die Teilnehmenden, Führungskräfte verschiedener Ebenen, gingen auf eine Vorstellungsreise durch ihr bisheriges Leben. Welchen Menschen sind sie dabei begegnet, die für sie zu Vorbildern wurden als Führungskraft? Welche Personen haben ihr Bild geprägt, was gute Führung ausmacht?

 

Jede und jeder fand unterschiedliche Beispiele: ob Vater, große Schwester, Jugendgruppenleiter, Sportlehrerin, Ausbilder, Fahrschullehrer, Offizier, Vorgesetzte in Firmen oder Dozenten an Unis… Die Beispiele waren so vielfältig wie die Leben der Teilnehmenden.

In Kleingruppen wurde diskutiert: Was haben diese Personen konkret getan, dass ihre Führungsqualitäten so lange später noch erinnert wurden, dass sie so prägend waren?

2 Typen von inneren Vorbildern

Wenn wir die Ergebnisse zusammen trugen, kamen regelmäßig zwei zentrale Aspekte heraus (die oft nicht in einer Person, sondern in verschiedenen Vorbildern lokalisiert wurden):

  • Orientierung geben, Anforderungen stellen, streng sein, Grenzen setzen, Fehlverhalten nicht durchgehen lassen, Ziele geben, für Sicherheit sorgen u. ä.
  • Unterstützung geben, konkret helfen, ermutigen und motivieren, einen wahrnehmen, zuhören, Vertrauen schenken, vertrauenswürdig sein u. ä.

Hier kann man einerseits die klassischen Dimensionen des Situativen Führungsmodells, die Aufgaben- und die Mitarbeiterorientierung erkennen. Ich möchte aber Ihren Blick noch etwas mehr weiten.

Ähnlichkeiten zu unbewussten Archetypen

Zeigen sich hier nicht auch zwei Archetypen: ein Vater-Archetyp (stark, zielorientiert) und ein Mutter-Archetyp (unterstützend, fördernd)? Wahrnehmung geschieht als Mustererkennung. Die konkreten Menschen haben bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen, damit triggern sie Ur-Muster aus dem kollektiven Unbewussten. Diese projizieren wir auf sie und "erschaffen" in unserer Vorstellung erst die Überfigur, die wir zu sehen glauben. Die Wahrnehmung wird selektiv, wir schreiben der Person die Eigenschaften zu, die zu unserem inneren Bild passen.

 

Was würde das für die Führungsbeziehung bedeuten?


Der Vater-Archetyp: Sehnsucht nach einem starken Leader

Erfolgt die Projektion eines Vaterbildes, so wird die Führungskraft als stark und lenkend angesehen. Das verleitet die Mitarbeiter dazu, unrealistische Erwartungen zu haben, was die Führungskraft erreichen kann. Dies ist immer wieder gut zu beobachten, wenn in Krisensituationen alle Hoffnungen auf einen Heilsbringer geworfen werden, von dem eine Wende erwartet wird, obwohl alle Fakten dagegen sprechen.

 

Was folgt für das Unternehmen, wenn Beschäftigte in ihrem Chef den Vater-Archetyp sehen? Die Mitarbeiter agieren dann unbewusst in einem Kind-Modus. Sie geben Sorge, aber auch Verantwortung ab. Während sie "nach oben" gucken, versäumen sie, sich der Anforderungen und Probleme anzunehmen, die um sie herum sind, und selbst zur Lösung beizutragen.

Der Mutter-Archetyp: Gut für sich sorgen lassen

Zum Mutter-Archetyp fallen mir nicht nur weibliche Führungskräfte ein, sondern auch viele männliche Teamleiter, die sehr sozial eingestellt und hilfsbereit sind. Sie bilden eine optimale Projektionsfläche für eine Mutterfigur. Ihre Teammitglieder kommen mit allen Sorgen, Wünschen und schwierigen Fällen und laden sie dort ab. Die „Übermutter“, gleich welchen Geschlechts, spendet Verständnis und bekommt das Gefühl, gebraucht zu werden.

 

Aber auch in diesem Fall bleiben die Mitarbeitenden hinter ihren Möglichkeiten zurück. Sie drücken sich um eigene Anstrengung und oft um das Lernen von Neuem herum.


Eine Führungsbeziehung auf Augenhöhe

Vielleicht mag es das eigene Ego der Führungskraft streicheln, wenn die Mitarbeitenden sie durch eine solche Projektion überhöhen. Dennoch empfehle ich klar eine partnerschaftliche Führungsbeziehung - auf Augenhöhe, nur mit verteilten Rollen. Das Team soll die Leitung nicht bewundern. Sondern es ist aufgerufen, zusammen Probleme zu analysieren und Lösungen mit zu erarbeiten. Unsicherheiten und Dynamik der Wirklichkeit sind zumutbar und auszuhalten. So kann wirklich die Synergie aus allen Stärken zusammengetragen werden für ein gutes Ergebnis.

 

An die Personalabteilungen und Geschäftsführungen richtet sich mein Wunsch, in ihrer Führungskultur ein solch "erwachsenes“ Führungsbild zu fördern. Wenn Führungsstärke als Zauberwort benutzt wird - malt man dann nicht den charismatischen Leader als Über-Vater schon an die Wand? Vorsicht gilt auch beim übertriebenen Betonen von Mitarbeiter-Zufriedenheit. Der Betrieb ist keine Familie, in der die „Kleinen“ rundum versorgt werden. Für die Zufriedenheit sind die Beschäftigten auch mit verantwortlich.

 

Hilfreich ist es vielmehr, den Führungskräften Reflexionsräume und Methoden an die Hand zu geben, die dabei helfen, als Mensch mit einer spezifischen Rolle ihre Abteilungen zu managen und ihre Teams voranzubringen.

Für eine "erwachsene" Führungskultur!


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